Preisverleihung 2011
Die feierliche Preisverleihung mit über 150 Gästen fand am 16. November 2011 im Paulussaal in Freiburg statt.
Am Literatur-Wettbewerb "Barrieren überwinden" haben 453 Autoren mit 403 Beiträgen teilgenommen, davon 288 Frauen und 165 Männer. Die jüngste Teilnehmerin war gerade 14 Jahre alt geworden. Der älteste Teilnehmer ist 83 Jahre alt. Das größte Gemeinschaftswerk wurde von 20 Personen geschrieben. Der erste Beitrag ging am 01.04.2011 ein, der letzte am 30.06.2011 um 23:59 Uhr. Die meisten Beiträge, insgesamt 74 gingen am letzten Tag, d.h. am 30.06.2011 ein. Der kürzeste Beitrag umfasst 20 Wörter, der längste genau 70.000 Zeichen.
Mit dem Literatur-Wettbewerb will der Fachverband Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie literarisch tätige Menschen fördern, die in ihren Texten und Schriften den Weg zu einer Gesellschaft, die niemand ausgrenzt, in den Blick nehmen. Die literarische Qualität der Beiträge war ein Kriterium, das der Jury bei ihrer Auswahl besonders wichtig war.
„Vielleicht ist sterben schlimmer“
Der 1. Preis in Höhe von 3000,- € geht an Tom Liehr für seine Kurzgeschichte „Vielleicht ist sterben schlimmer“.
"Ob dieser Text eine autobiographische Erfahrung mitteilt? Man kann sich fast nicht vorstellen, Tom Liehrs Geschichte „Vielleicht ist sterben schlimmer“ sei erfunden. Ein Sohn schreibt über seinen Vater. Der Vater kann seit einem schweren Autounfall vieles nicht mehr; vor allem: nicht sprechen. Die Mutter hat ihren Mann verlassen, nachdem er ein Pflegefall geworden ist. Der Sohn ist an ihre Stelle getreten. Beide kommunizieren über winzige Gesten: zwei Finger der linken Hand, hochgezogene Augenbrauen, das Drehen des Kopfes, Augenblinzeln - bis ein Anruf beider Leben in seinen Grundfesten erschüttert.
Tom Liehr, Inhaber eines Softwarefirma in Berlin und Verfasser mehrerer Romane – sein jüngster, „Sommerhit“, ist im Sommer erschienen, gelingt es, auf wenigen Seiten mit sehr unprätenziösen Mitteln eine innige Vater-Sohn-Beziehung zu umreißen, die an den Rand einer äußersten Gefährdung gerät. Was, wenn das Sprechen nach zwölf Jahren Schweigen plötzlich wieder möglich wird? Was, wenn der Vater sein auf die Grundfunktionen eingeschränktes Leben nicht mehr lebenswert findet? Die Freude des Sohns über das wiedergewonnene Sprechen mischt sich mit der Angst vor einem solchen Satz des Vaters.
Tom Liehrs Erzählung „Vielleicht ist Sterben schlimmer“ ist eine gerade in ihrem unsentimentalen Alltagston berührende Liebeserklärung:
des Sohns an den Vater, des Vaters an den Sohn. Dass diese beiden es, so tief getragen vom Gefühl, wie selbstverständlich
schaffen, die Barrieren zwischen dem Gesunden und dem Kranken zu überwinden, ist fast zu schön, um wahr zu sein. Doch wir
möchten nur zu gern und immer wieder daran glauben, dass die Liebe Berge versetzen kann. Tom Liehrs Geschichte gibt diesem
Glauben Nahrung."
Dr. Bettina Schulte, Jury-Mitglied
„Ich will nicht wieder Kind sein“
Der 2. Preis in Höhe von 2000,- € des Literatur-Wettbewerbs geht an Stefanie Haß für ihren Text „Ich will nicht wieder Kind
sein“. Der Text handelt von einer jungen Frau, die versucht trotz ihrer psychischen Erkrankung ein selbstbestimmtes, von ihren
Eltern weitgehend unabhängiges Leben zu führen.
„In der Kurzgeschichte von Stefanie Hass geht um die Vorurteile gegenüber psychisch erkrankte Menschen, auch die, die man
selbst im Kopf hat, ebenso wie um das Recht trotzdem auf eigene Verantwortung und Risiko sein eigenes Leben führen zu dürfen,
eben nicht mehr Kind sein zu wollen. Auch die Tatsache, dass Menschen durch Krankheiten zu früh aus dem Leben gerissen werden
und der offene Umgang mit dem Thema Tod werden angesprochen. Mir selbst ist außerdem die Schilderung des Empfindens einer
Psychose sehr eindrücklich im Gedächtnis geblieben.“
Esther Grunemann, Jury-Mitglied
„Sascha kann das schon“
Den 3. Preis in Höhe von 1000,- € erhält Katja Hermann für ihre Kurzgeschichte „Sascha kann das schon“. Die Autorin beschreibt
den Alltag eines geistig behinderten Mannes, der versucht ohne die Hilfe der Mutter sein Leben zu meistern.
„Katja Hermann aus Lüdinghausen, gelernte Erzieherin und jetzt Mitarbeiterin in einem Caritas-Wohnheim, gelingt es mit ihrer
Geschichte von Sascha, dass man sofort Sympathie für ihn empfindet. Dass diese schöne Geschichte eigentlich kein gutes Ende
nimmt und auf ein Happy-End verzichtet, gefällt mir. Vielleicht liegt es an meiner Vorliebe für schwarzen Humor, den ich nun
mal als Cartoonist speziell habe.“
Phil Hubbe, Jury-Mitglied
„Anders bin ich und doch nicht“
Anders bin ich und doch nicht
anders, Schwestern und Brüder, als ihr
Stumm bin ich und doch nicht
stumm: Klingen und Rufen in mir
Blind bin ich und doch nicht
blind: Bilder, Gesichter in mir
Fremd bin ich und doch nicht
fremd: Hoffnung und Sehnsucht in mir
Anders bin ich und doch nicht
anders, Schwestern und Brüder: bleibt hier

Die Entscheidung für die Preisträger ist der Jury aufgrund der verschiedenen Gattungen, die im Rahmen des Literatur-Wettbewerbs eingegangen sind, nicht leicht gefallen. Daher hat die Jury einen Sonderpreis in Höhe von 500,- € für einen lyrischen Text vergeben, mit dem Bernhard Winter für sein Gedicht „Anders bin ich und doch nicht“ ausgezeichnet wird.
